Bedingungsloses Grundeinkommen für Vollbeschäftigung

Seit einigen Jahren ist ein Bedingungsloses Grund­ein­kom­men (BGE) im Gespräch, das die Grundbedürfnisse jeden Bürgers decken soll, jedoch im Gegensatz zu Hartz4 ohne Bedingungen, Kontrollen und Schikanen. Die Anhänger der Leistungsgesellschaft laufen Sturm dagegen. Aber wenn man

Vergleiche praktische Erfahrung rechts.

nicht deren Vorurteil vom faulen Menschen, der nur durch Geld oder Druck zu motivieren ist, sondern die Erkenntnisse der Individual­psychologie zu Grunde legt, kommt man zu dem überraschenden Ergebnis, dass das Bedingungslose Grundeinkommen ein neues Wirtschaftswunder auslösen wird.

Vorab ein nur kurzes Wort zur Finanzierung: Darüber wurde bereits an anderer Stelle genügend diskutiert (z.B. auf unternimm-die-zukunft.de), darum will ich mich auf den Hinweis beschränken, dass die Erwerbslosen ja auch jetzt miternährt werden, das Geld ist also da. Nur die Technik der Verteilung würde sich ändern. Und um die Auswirkungen dieser Veränderung geht es in diesem Artikel.

Bedürfnisse des Menschen

Um die Wirkung von Veränderungen beurteilen zu können, muss man die Bedürfnisse der Menschen kennen. Diese sind nach Maslow in fünf Stufen eingeteilt. Je niederer das Bedürfnis, desto dringender, desto mehr Aufmerksamkeit und Aufwand wird ihm gewidmet.

  1. Körperliche Grundbedürfnisse.
    Dies sind z.B. Atmung, Nahrung, Gesundheit. Um diese zu befriedigen, nimmt jedes Lebewesen erhebliche Anstrengungen in Kauf, notfalls sogar einen Kampf.
    (Brecht: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.")
  2. Sicherheit, dass diese Grundbedürfnisse dauerhaft befriedigt werden.
    Dazu ordnet der Mensch sich in einen Rechtsstaat ein, strebt ein festes Einkommen und Ersparnisse an. Scheut aber auch Risiken und Investitionen, wird ggf. geldgierig, je nach Ausmaß seiner Unsicherheit.
  3. Soziale Bedürfnisse.
    Der Mensch möchte irgendwo dazugehören. Dafür sucht oder gründet er Familie, Freundeskreise, Vereine...
    (Alfred Adler: "Der Mensch ist ein soziales Wesen.",
    Genesis: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.")

Diese ersten drei Stufen sind Defizitbedürfnisse. Der Mensch tut nur soviel dafür, bis sie ausreichend befriedigt sind. Daher kommt wohl auch das irreführende Menschenbild der BGE-Gegner, die die nächsten zwei Stufen außer Acht lassen:

  1. Etwas Besonderes sein.
    Dazu strebt der Mensch nach Anerkennung und Erfolg. Und dies muss, sobald die ersten zwei Stufen erfüllt sind, nicht mehr materieller Art sein.
  2. Selbstverwirklichung.
    Der Mensch strebt nach Individualität, Entfaltung seiner Fähigkeiten, eigener Weiterentwicklung.

Jetziger Gesellschaftszustand

Menschen sind erwerbstätig, weil sie das Arbeitseinkommen zum Leben brauchen. Dafür arbeiten sie oft auch in Berufen, für die sie nicht so gut geeignet sind und/oder unter frustrierenden Arbeitsbe­din­gun­gen, wo sie nicht motiviert sind. Hauptsache ein Arbeitsplatz, damit man nicht zum Spielball der Hartz4-Bürokratie wird.

Regelmäßig erscheinen Studien, die immer wieder das Gleiche verkün­den: Nur ca. 12% der Arbeitnehmer sind engagiert in ihrem Beruf. Die übrigen tun dort nur soviel, wie nötig ist, ihren Arbeitsplatz zu erhalten und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Hauptsache Sicherheit.

Die Erfolgserlebnisse holen sie sich in ihrer Freizeit. Immerhin sind in Deutschland 23 Millionen Menschen über 14 Jahren ehrenamtlich tätig und erbringen so unentgeltlich Leistungen im Wert von 75 Milliarden Euro. Sage keiner, dass Menschen nur dann arbeiten, wenn sie Geld brauchen.

Endzustand nach der vollständigen Einführung des BGE

Durch das BGE ist der Grundbedarf der Menschen gedeckt und sie können nicht ins Bodenlose fallen. Damit sind die ersten zwei Bedürfnisstufen befriedigt.

Also engagieren sie sich dort, wo sie das Beste leisten können und dafür maximale Anerkennung und/oder Freude finden (Geld ist nur eine mögliche Form der Anerkennung). Dadurch sind sie nicht nur wesentlich produktiver als jetzt, sondern gehen auch öfter das (heute unkalkulierbare) Risiko ein, auch mal etwas völlig Neues auf die Beine zu stellen.

Da der Mensch zum Überleben nicht mehr abhängig ist, ist er freier in der Auswahl seiner Arbeitgeber, und kann sich die heraus­suchen, wo die Arbeit entweder Freude macht, oder durch ein angemessenes "Schmerzensgeld" erträglich wird.

Mit dem BGE als Sicherheit können die Menschen sich also auf das verlegen, was sie am besten können, statt in einem Beruf herumzupfuschen, den sie nur ausüben, um den Lebensunterhalt zu verdienen.

Folge: Die Menschen sind nicht nur zufriedener, es steigt auch die Produktivität.

Mit dem BGE als Sicherheit können die Menschen sich selbst­stän­dig machen, falls für ihr Können kein Arbeitsplatz angeboten wird. Sie müssen keine Angst haben, bei einem Misserfolg ins Boden­lose zu fallen.

Folge: Vollbeschäftigung.

Mit dem BGE als Sicherheit können die Menschen miesen Chefs den Stinkefinger zeigen, statt sich zur Beschaffung ihres Lebens­unter­halts wie Sklaven behandeln zu lassen. D.h., die Chefs müssen sich eine bessere Behandlung der Mitarbeiter ange­wöh­nen, sonst kriegen sie keine mehr.

Folge: Besseres Betriebsklima, was über die höhere Mitarbeiter­zufrie­den­heit wieder zu höherer Produktivität führt.

Höhere Zufriedenheit der Menschen und höhere Produktivität. Eine Win-Win-Situation.

Notwendige Übergangsphase

Natürlich kann das BGE nicht schlagartig eingeführt werden.

Wenn das BGE schlagartig von 0 auf 100% gefahren würde, würden sehr viele Frustrierte mit unmöglichen Chefs gleichzeitig ihren Job hinschmeißen, und die Wirtschaft würde zusammen­brechen.

Bei stufenweiser Einführung sind Belastungsgrenzen und Abhän­gig­kei­ten bei den Menschen verschieden verteilt, so dass der Ausstieg häppchenweise kommt, und die Führungskräfte, wenn sie die Abwanderung spüren, rechtzeitig ihr Verhalten überdenken und ändern können, um die Mitarbeiter zu halten.

Auch ist bei stufenweiser Einführung die Auswirkung falscher Abschätzung des Finanzierungsbedarfs keine Katastrophe. Die Abweichungen sind dann so klein, dass es genügt, sie einfach in der nächsten Stufe im nächsten Jahr zu korrigieren.

Das BGE muss also langsam stufenweise eingeführt werden, wie jetzt die Rente mit 67.

(Á propos: Wozu brauchen wir beim BGE noch eine staatliche Renten­versicherung? Sie wird genauso überflüssig wie die staatliche Arbeitslosenversicherung. Wer im Alter oder bei Arbeitslosigkeit mehr will, als das BGE, kann eine private Ergänzungs­versicherung abschließen oder sparen.)

Ich persönlich plädiere für eine Einführungsphase von 20 Jahren, d.h., das BGE würde in Häppchen von 5% von 0 auf 100% steigen.

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