Hochsensibilität

Hochsensibilität ist seit einigen Jahren immer mehr Thema in der Gesellschaft. Leider gibt es dadurch auch viele Menschen, die sich einbilden, hochsensibel zu sein, in Wirklichkeit aber nur über­empfind­lich sind.

Was ist dran, was ist der Unterschied?

Neurologischer Hintergrund

Der Filter sitzt im Thalamus, der aber mehr als nur diese Funktion hat.

Auf den Menschen stürmen ständig eine Unmenge an Sinnenreizen ein, weit mehr, als das Bewusstsein verarbeiten könnte. Darum gibt es im Gehirn einen Filter, der die Reize bewertet und nur ins Bewusstsein weiter leitet, was dort wichtig ist.

Echte Hochsensibilität (HS)

Hochsensible Menschen unterscheiden sich vom Großteil der Bevölkerung einerseits durch Empfindsamkeiten, andererseits aber auch durch besondere Wahrnehmungen, Begabungen und natürliche Fähigkeiten. Ursache für diese Besonderheit, von der ca. 15% der Bevölkerung betroffen sind, ist nach bisherigen Erkenntnissen eine angeborene Verminderung der Filter in der Sinneswahrnehmung, so dass hochsensible Personen (HSP) ihre Umwelt wesentlich intensiver wahrnehmen, sowohl die schönen, als auch die unangenehmen Dinge.

Echte Hochsensible mit angeborenem reduzierten Filter werden schon als Baby mit dem Mehr an Reizen konfrontiert, und das kindliche, noch hochformbare Gehirn lernt im Rahmen der Welterforschung spielend damit umzugehen. (Darum sind echte HSP auch so trainiert im flotten Denken.) Wenn das Umfeld sie nicht daran hindert, lernen sie, mit der Flut an Reizen umzugehen und sich rechtzeitig zu entlasten, so dass sie emotional stabil bleiben und ihre Hochsensibilität u.U. nicht mal erkennen. Sie gebrauchen die Hochsensibilität als nützliches Werkzeug und werden im Rahmen ihrer Kraft möglich viel davon nutzen. Solche Menschen haben großes Einfühlungs­vermögen und "hören das Gras wachsen".

Diese Echte Hochsensibilität ist weder Krankheit noch Makel, sondern eine normale und sinnvolle Spielart der menschlichen Art. In der Vielfalt liegt großes Potenzial für die menschliche Gesell­schaft.

Hypersensibilität (Hyse)

Doch nicht jeder, der "hochsensibel" erscheint, ist es auch. Oft steckt auch Hypersensibilität dahinter. Bei Hypersensibilität ist der Filter durch frühere Ereignisse "umprogrammiert", so dass er hauptsächlich negative Reize vermehrt ins Bewusstsein weiterleitet, um Probleme früher zu erkennen und zu vermeiden. Ängste und Trauma­ta sind häufig die Auslöser für solche Umprogram­mie­run­gen.

Dies ist auch das Unterscheidungsmerkmal zwischen Hoch- und Hypersensibilität:
Der Hochsensible nimmt schöne und unangenehme Reize gleicher­maßen verstärkt war, der Hypersensible ist auf die unangenehmen fokussiert. Bei negativ eingestellten Men­schen kann man also im ersten Ansatz von Hyper­sensi­bili­tät ausgehen.

Hypersensibilität ist kein unabänderliches Schicksal, sondern kann therapiert werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass nach Heilung einer Hypersensibilität auch eine Hochsensibilität (wieder) zum Vorschein kommt, aber die Hypersensibilität ist das drängendere Problem.

Belastungen durch die Umgebung

Natürlich ist es sinnvoll, wenn Menschen aufeinander Rücksicht nehmen, aber eine Forderung nach überzogener Rücksichtnahme ist nur in Sonderfällen akzeptabel (z.B. bei akuter Krankheit). Niemand hat Anspruch auf besondere Rücksichtnahme, die den Rahmen der Gesetze überschreitet. (Und selbst beim gesetzlichen Anspruch besteht oft das Problem der Durchsetzbarkeit.)

Also müssen sich Hoch- und Hypersensible irgendwie arrangieren, bevor sie sich selbst ins Abseits manövrieren.

Bei Hypersensiblen ist das noch relativ leicht, sie können mit einer Therapie ihren Filter wieder dem Normalzustand annähern.

Anders die Hochsensiblen. Ein angeborener reduzierter Filter ist vermutlich nicht zu ändern. Hier kann der Betroffene die Folgen nur durch Schutz- und Entspannungsmaßnahmen mildern. Alles, was normalen Menschen bei Stress empfohlen wird, muss bei Hoch­sen­si­blen eben bereits früher einsetzen: Entspannung, genügend Schlaf, körperliche Aktivität…

Entgleisungen

Wenn eine hochsensible Person emotional stabil ist und ein gutes Selbstwertgefühl hat, also eine gefestigte Persönlichkeit ist und auf dem Boden der Realität steht, ist die Hochsensibilität nichts weiter als ein sehr nützliches Werkzeug, das sich mit umfangreicherer Wahrnehmung, gründlicherem Denken und besserer Intuition (= unbewusstem Denken) bemerkbar macht.

Aber wenn die Persönlichkeit (v.a. durch Kindheitseinflüsse) nicht genügend stabil ist und die Reizüberlastung zu groß wird, kann es zu Übersteigerung, Wahn, bis hin zur Schizophrenie führen. Ich bezeichne manchmal die Hochsensibilität als die gesunde Schwester der Schizophrenie, denn es gibt in manchen Symptomen deutliche Parallelen. Schlechte Umgebungsbedingungen sind jedoch nur Risikofaktoren, nichts weiter. Es muss nicht zwangsläufig ausarten.

Bei Menschen mit Hypersensibilität ist das Risiko schon größer, denn sie sind ja per se schon angeschlagen, sonst wären sie nicht hypersensibel.

Während rein geistiger Wahn wie Stimmen, Gesichter, Energie­ströme, … harmlos ist, so lange sich die Betroffenen dabei wohl fühlen, sind psychosomatische Probleme gefährlicher. Bei Hochsen­si­blen und Hypersensiblen gleichermaßen besteht die Gefahr, dass sie körperliche Unpässlichkeiten, die jeder mal hat, zu ernst nehmen und sich hineinsteigern. Oder dass durch den Nocebo-Effekt solche Unpässlichkeiten überhaupt erst entstehen, wenn z.B. Gesundheits-, Umwelt- oder Nahrungsapostel oder Anbieter von Nahrungsergänzungsmitteln Ängste schüren.

Da ist ein objektiver medizinischer Test und ggf. eine Therapie dringend zu empfehlen, denn wenn durch Vermeidungsverhalten, z.B. Vermeiden bestimmter Nahrungsmittel bei eingebildeter Allergie, der Körper den Umgang damit verlernt, kann aus einer eingebildeten Allergie eine tatsächliche körperliche Unverträg­lich­keit werden.