Trauma für Anfänger

Dieser Aufsatz ist eine für Laien vereinfachte Zusammenstellung des Themas Trauma / Posttraumatische Belastungsstörung.
Meine Hauptquelle ist das Buch "Verkörperter Schrecken von Bessel Van Der Kolk, einem der führenden Forscher und Therapeuten auf dem Gebiet der Posttraumatischen Belastungs­störung (PTBS).

Anatomie des Gehirns

Aus Kapitel 4 des Buchs

Natürlich sind die Funktionen im Gehirn weit­räumig und bereichsübergreifend verschaltet. Für das Verständnis des Traumas kann man es aber nach Paul D. MacLean vereinfacht so betrachten:

Unterste und von der Evolution her älteste Stufe ist der Hirnstamm, der die grundlegenden, lebensnotwendigen Körperfunktionen steuert und bei der Geburt bereits voll funktionsfähig ist.

Darüber sitzt das limbische System zur Steuerung der Emotionen und Triebe, man könnte es als "Instinkt-Hirn" bezeichnen. Es wird (unter Berücksichtigung individueller genetischer Vorgaben) durch die Reaktion auf Ereignisse geformt. Hier greifen z.B. Erziehung oder Traumata ein.

Die stammesgeschichtlich neuste Schicht ist der Neocortex, der für die intellektuellen Leistungen zuständig ist (man könnte ihn als "Rational-Hirn" bezeichnen). Er beginnt erst ab dem zweiten Lebensjahr kräftig zu wachsen und zu reifen und ist auch Sitz der Empathie, was für das Thema Trauma relevant ist.

Zusammenspiel im Normalfall

Der Hirnstamm arbeitet eh selbständig, bekommt nur Zielanfor­de­run­gen über Nervenimpulse und Hormone. ("Limbisches System an Hirnstamm: Mehr Puls, mehr Blutdruck.")

Die Routinearbeit im Umgang mit der Umwelt macht das limbische System. Es nimmt die Informationen von den Sinnesorganen entgegen, bewertet sie nach Wichtigkeit und leitet bei Bedarf automatische Reaktionen ein, noch bevor der Neocortex (das Bewusstsein) informiert wird. Das limbische System arbeitet wenig differenziert, aber schnell, weil das in kritischen Situationen überlebenswichtig sein kann.

Der Neocortex beobachtet und analysiert, was sein Besitzer erlebt und tut, und wenn keine schnelle Reaktion erforderlich ist, kann er Handlungsalternativen abwägen und nach "unten" anordnen.

Beispiel: Auf dem Weg taucht ein schlangenartiges Gebilde auf. Das limbische System sorgt für sofortigen Stop und Sicherheitsabstand. Erst der Neocortex, der mit Verzögerung informiert wird, analysiert dann genauer und stellt fest, ob es eine echte Schlange oder nur ein toter Ast ist, ob er außenrum gehen kann oder besser den Rückzug antritt usw.

Der Neocortex kann das limbische System auch trainieren, wenn dieses nicht gerade mit lebensnotwendigen Dingen beschäftigt ist. Wenn neue Handlungen durchdacht werden (Kopfkino) oder nach dem Durchdenken ausgeführt werden, werden die entsprechenden Handlungen im limbischen System programmiert. So funktionieren z.B. Fahrschule, Selbstbehauptungskurse, Verhaltenstherapie…

Abweichungen in Trauma auslösenden Situationen

Die normale Stressreaktion läuft so ab:
Das limbische System erkennt eine bedrohliche Situation, fährt die Körperressourcen hoch, um bestmöglich reagieren zu können (Kampf oder Flucht), und wenn die Gefahr vorbei ist, normalisiert sich alles wieder, ggf. mit dem guten Gefühl, eine Gefahr erfolgreich gemeistert zu haben.

Während der Stressreaktion ist die Verbindung zum Neocortex (= das Denken) reduziert, weil es die Automatik, die schnellen Reaktionen stören könnte.

Hält aber eine Existenz bedrohende Situation länger an und/oder stellt sich das Gefühl der Hilflosigkeit ein, kann es dazu kommen, dass die Situation samt der damit verbundenen Gefühle ins Gedächtnis des limbischen Systems eingebrannt werden. Und zwar ohne Verbindung zum Neocortex, der das Ganze aufarbeiten könnte. Das ist dann das Trauma.

Da die Situation grauenhaft war, versucht das Gehirn, die vollständig Erinnerung vom Bewusstsein fern zu halten, um eine Wiederholung der Gefühle durch das Kopfkino zu verhindern. Deswegen werden in der Regel nur Fragmente und Tatsachen bewusst erinnert, Gefühle ausgesperrt. Die eingebrannten Stressreaktionen wirken aber weiter: Stresshormone und misstrauische Wachsamkeit. Ohne geeignete Therapie befindet der Betroffene sich ewig unbewusst in der längst überstandenen Gefahrensituation.

Wird durch irgendwelche Sinnesreize, die es auch in der Akut­situa­tion gab, die Erinnerung ausgelöst, kommt es zum Flashback: Die Erinnerung kommt komplett hoch, die Verbindung zum Neocortex, dem Bewusstsein, wird abgeworfen, und der Betroffene erlebt die Erinnerung so, als ob er sich am selben Ort zur selben Zeit befände, wie beim Originalerlebnis.

Individuelle Auswirkungen

Typische Folgen eines Traumas sind das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Flashbacks), Träumen oder Albträumen, die vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit auftreten. Ferner finden sich Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber, Freudlosigkeit sowie Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten. Meist tritt ein Zustand von vegetativer Übererregtheit, einer übermäßigen Schreckhaftigkeit und Schlafstörung auf. Angst und Depression sind häufige Begleiterscheinungen und Suizidgedanken sind nicht selten.

Soziale Auswirkungen

Während der Akutsituation hat der Betroffene drei Reaktions­mög­lich­keiten mit verschiedenen Prioritäten:

  1. Sozialen Rückhalt suchen. Wenn das nicht geht, dann
  2. Kampf oder Flucht. Ist selbst das unmöglich, dann
  3. Tot stellen (Körperfunktionen auf Energiesparen, um zu überleben).

Der Mensch ist auf Arterhalt programmiert und darum ein soziales Wesen. Deshalb sucht er bei Bedrohungen als erstes sozialen Rückhalt. Findet er den nicht, geht das instinktive Vertrauen in soziale Beziehungen verloren.

Die langfristige Folge einer unbehandelten PTBS ist eine feindliche oder misstrauische Haltung gegenüber der Welt, sozialer Rückzug, Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit, ein chronisches Gefühl der Anspannung wie bei ständigem Bedrohtsein und Ent­frem­dungs­gefühl.
(Diese Symptome haben Ähnlichkeit mit einer Borderlinestörung; das äußerlich sichtbare Verhalten hat Ähnlichkeit mit einer ADHS, so dass Kinder und Jugendliche mit einer PTBS nicht selten falsch diagnostiziert werden.)

Ergänzende Kleininformationen

Je höher der Serotoninspiegel, desto aktiver und selbstsicherer ist eine Person, und desto weniger traumagefährdet. Mit anderen Worten: Optimisten überstehen traumatische Situationen besser.
Umgekehrt unterstützt eine Erhöhung des Serotoninspiegels (z.B. durch Antidepressiva der Sorte SSRI) bei der Bewältigung von Trauma­folgen, die Betroffenen können ihre Selbstkontrolle verbessern.

In den ersten Tagen nach der traumatisierenden Akutsituation kommt es nicht selten vor, dass Betroffene in ihrer Verwirrtheit Dinge tun, derer sie sich später schämen. Z.B. Gewalttätigkeiten.

Durch die oben beschriebenen Mechanismen der Erinnerungsdämp­fung kann ein Betroffener seine Gefühle in der Auslösesituation nicht verbal beschreiben. Bei Therapien, die nur auf Reden beruhen, kommt es darum nur zu oberflächlicher, distanzierter Beschreibung. Besser sind Therapien, die Gefühle ausleben und auslösen, Z.B. Körpertherapien.

Bei Flashbacks erleben Betroffene die Erinnerung so, als ob sie sich am selben Ort zur selben Zeit befände, wie beim Originalerlebnis. Das führt zu einer Retraumatisierung. Um dies bei einer Therapie (wo die Erinnerung ja benötigt wird) zu vermeiden, werden geeignete Vorsichtsmaßnahmen getroffen.

Was man selbst tun kann

Um die Ängste und depressiven Begleiterscheinungen einer PTBS zu mildern kann man praktisch alles tun, was bereits im Aufsatz Depression für Anfänger beschrieben ist.

Um den in die unbewusste Erinnerung eingebrannten Stress zu reduzieren, sind Entspannungsmethoden (z.B. Autogenes Training) und Achtsamkeitstraining ratsam.

Buchempfehlungen dazu: Achtsamkeit für Dummies, Autogenes Training für Dummies.

Zur Aufarbeitung leichter Traumata, oder zur Unterstützung einer Therapie kann man die Erlebnisse niederschreiben. Und wenn es nur für sich selbst ist. Je früher, desto besser. Bei länger anhaltenden Krisen (z.B. Mobbing) kann man damit schon während der Krise beginnen.

Diese "Schreibtherapie" ähnelt der Narrativen Expositionstherapie, die auch zur Traumabehandlung eingesetzt wird.

Auf dem Buchmarkt gibt es haufenweise Bücher in denen Menschen schlimme eigene Erlebnisse verarbeiten. Ich selbst habe über das Mobbing meiner Chefs auf meiner eigenen Homepage geschrieben. Die Seite der Polizei-Poeten ist ursprünglich aus diesem Zweck entstanden. Es wirkt.

Therapien

Liste in Wikipedia

Es gibt eine ganze Reihe Therapien zur Trauma­behand­lung. Die nach meinen Recherchen beste ist EMDR. Man weiß anscheinend noch nicht, wie das im Gehirn funktioniert, aber es scheint so zu sein, dass die vom Bewusstsein ausgesperrte Erinnerung auf ähnliche Weise sortiert und in die Lebensgeschichte integriert wird, wie Tagesereignisse während des nächtlichen Träumens.